1873-2-2018 Seite 138-141

Zwischen Wein und Kleiderberg

Katharina Tinnacher hat 2013 das Weingut Lackner Tinnacher von ihren Eltern übernommen und managt seither mehr als 250 Jahre Familiengeschichte und Weintradition.

Kastner & Öhler September 10, 2018 / by Kastner & Öhler
WÄG TINNACHER hi res (1 von 12)

aufgezeichnet von Marie-Theres Stremnitzer

fotos Albert Handler

Eigentlich wollte sie Kunstgeschichte studieren, entschied sich aber dann für Weinbau, Önologie und Weinwirtschaft. Bereits seit 2009 steht sie dem Geschehen in den rund 27 Hektar umfassenden Weingärten vor, da, wo ihre Weine in intensiver Handarbeit entstehen. Dort, in besten Steillagen in Steinbach bei Gamlitz, Eckberg und im Sausal ist sie im Moment täglich viele Stunden unterwegs. Zum Glück hat sie aber trotzdem Zeit für ein Gespräch im Café Freiblick gefunden.

 

MARTIN WÄG: Vielleicht darf ich mit einer persönlichen Frage beginnen. Bei unserer Hochzeit vor 20 Jahren haben meine Frau und ich Lackner Tinnacher-Wein getrunken. Wie würde er heute schmecken? Abgesehen davon, dass er zu alt ist.

KATHARINA TINNACHER: Ah, der wäre nicht zu alt! Wenn Sie vor 20 Jahren geheiratet haben, haben Sie wahrscheinlich einen 1997er getrunken. ’97 ist ein fantastisches Weinjahr, das haben Sie ’98 getrunken. Und unsere Weine haben sehr große Lagerfähigkeit. Ich werde mich in unserem Archiv auf die Suche machen nach einem Sauvignon ’97 und Ihnen den zukommen lassen, vielleicht können Sie ihn gemeinsam mit Ihrer Frau zum 25. Jubiläum trinken. Er hat sich natürlich entwickelt, ich würde sagen, wie eine gute Ehe – die Primärfrucht, das Zugängliche nimmt ein bisschen ab, man muss die Sekundäraromen entdecken. Aber so ein gereifter Wein macht durchaus viel Freude.

 

Wie ist es mit Moden beim Wein?

Es gibt Trends bei Rebsorten, Muskateller ist momentan sehr gefragt, oder den Trend zu Orangeweinen, Weißweinen, die auf der Schale vergoren sind wie ein Rotwein und oxidativ ausgebaut werden. Aber ich habe mich entschieden, dass wir mit dem Weingut Lackner Tinnacher für Weine stehen, die von diesen Moden nicht beeinflusst sind.

 

Ich kann mir vorstellen, dass Wein und Mode zu beschreiben, nicht ganz unähnlich ist. Wenn man sich den ganzen Tag damit beschäftigt, hat man einen ganz anderen Blick.

MARTIN WÄG

 

Was hat sich durch Ihre Übernahme geändert?

Einerseits sind natürlich Dinge konstant geblieben – gerade in einem historischen Familienbetrieb – wie die Lagen, die Böden; das Alter der Rebstöcke hat zugenommen, sie wurzeln tiefer, haben weniger Trauben, und die sind ausdrucksstärker. Und wir haben auf biologische Landwirtschaft umgestellt. Beim Übergang vom Vater zur Tochter hat sich auch der Weinstil etwas geändert. Ich bin fast wieder ein paar Schritte zurückgegangen. Man könnte sagen, ich mache Wein, wie es mein Großvater gemacht hat in den 40er-Jahren. Wir verzichten selbstverständlich auf sämtliche Schönungen oder künstliche Additive, lassen den Wein spontan vergären, arbeiten sehr an dem, was vom Weingarten mitkommt, und wollen schlussendlich Weine machen, die den Charakter ihrer Herkunft zeigen. Weil das ist im Wein das Einzige, das einzigartig ist. Zusätzlich haben wir heute auch noch ganz andere Aufgaben, als es die Generation vor uns gehabt hat. Meine Eltern haben wahnsinnig viel Aufbauarbeit betrieben, ich ernte quasi den Lohn, und es gilt jetzt, die Steiermark auch über die Grenzen hinaus bekannt zu machen.

 

Das heißt, so ähnlich wie Burgund, Bordeaux, Toskana. Als Region eine Marke zu werden?

Sie haben etwas Schönes gesagt, Sie haben nicht gesagt Sauvignon oder Riesling, sondern Sie haben gesagt, Toskana, Burgund, Bordeaux. Es gibt diese Weine, die eindeutig mit ihrer Herkunft verknüpft sind, und das ist unser großes Ziel.

 

Dann ist es aber der Sauvignon.

Es ist die Steiermark. Der Sauvignon Blanc ist die Rebsorte, die unsere Herkunft am besten wiedergibt.

 

Ihre ältesten Rebstöcke, die Sie noch nutzen?

Meine ältesten Rebstöcke sind im Jahr 1964 gepflanzt worden. Jetzt muss ich rechnen…

 

54 Jahre.

Und ich hoffe, dass sie noch weitere 50 Jahre machen … bei guter Pflege.

 

KATHARINA TINNACHER Hat im Alter von Acht Jahren ein Kleid von Kastner & Öhler auf dem Klassenfoto getragen.
KATHARINA TINNACHER Hat im Alter von Acht Jahren ein Kleid von Kastner & Öhler auf dem Klassenfoto getragen.

Wein ist einerseits Kulturgut, andererseits hat er Schattenseiten. Wie sieht das die Winzerin?

Für mich ist es in erster Linie Kulturgut und Lebensgrundlage, wie für die ganze Südsteiermark. Weil weder die Landschaft noch der Tourismus und die vielen Arbeitsplätze wären möglich, ohne den Wein. Ich glaube, wenn man es als Kulturgut sieht, sieht man es mit Respekt, ein kultivierter Umgang ist absolut wichtig, und den leben wir auch vor.

 

Aus meiner Sicht geht es ja in erster Linie um das Ritual und weniger um die Inhaltsstoffe. Haben Sie ein persönliches Weinritual?

Ich trinke Wein nicht jeden Tag. Und wenn ich Wein koste, meine gesamten Fässer gehören ja permanent durchgekostet, dann trinke ich nicht. Da wird Wein gespuckt. Da liegen oft auch ein Blatt Papier und ein Stift, um die Momentaufnahme niederzuschreiben, das ist Arbeit. Wenn ich Wein genieße in meiner Freizeit, ist es zunächst die Wahl. Was ist heute für ein Tag gewesen, ist es warm draußen oder kalt? Möchte ich mich eher entspannen oder belohnen? Oder möchte ich etwas Spannendes, mich fordern?

 

Was trinken Sie denn gerne?

Ich mag elegante Weine, die zum Kontext ihrer Herkunft passen. Ich bin ein großer Fan von guten Rieslingen, ich liebe Burgunder. Aber ich mag auch die spannenden Entdeckungen, wenn ich in Häuser komme, wo großartige Sommeliers sind, die mir ein Glas Wein hinstellen, das mich in dem Moment begeistert. Oder Wein mit einer guten Story dahinter.

 

Das heißt, Sie trinken auch ganz viele andere Weine, nicht eigene?

Selbstverständlich, das gehört dazu, der Blick über den eigenen Tellerrand. Das wäre langweilig, wenn man nur den eigenen Wein trinken würde.

 

Das habe ich auch anderswo schon gehört … mindestens fünfzig Prozent andere Weine.

Ja, aber es hilft schon auch, wenn man den eigenen Wein gut findet!

 

Ähnlich wie bei uns. Wir müssen uns vieles ansehen. Egal ob gutes oder schlechtes Beispiel, man profitiert unglaublich davon, sieht das eigene Haus in anderem Licht.

Wobei, so ein schönes Haus werden Sie kaum finden, anderswo.

 

Naja, anders situiert. Aber ich glaube, wir können schon mithalten.

Dank unserer Exporttätigkeit bin ich viel unterwegs, es gibt wohl da und dort, etwa in London, wunderschöne Kaufhäuser…

 

Liberty, oder?

Ja! Das macht Spaß, da reinzugehen.

 

Selfridges kann auch was!

Ja, und Harrod’s kann man sich auch mal geben. Aber trotzdem, im deutschsprachigen Raum kenne ich kein Haus, das so schön ist. Meine Eltern waren sechs Tage die Woche im Weingut aktiv. Aber es hat diese Samstage gegeben, sechs-, siebenmal im Jahr, an denen wir mit der Mama zum Kastner gefahren sind. Für sie war es das Haus. Und für uns Kinder war es toll. Weil erstens hat es einen ganzen Samstag mit der Mama für uns gegeben und zweitens: die Spielzeugabteilung.

 

 

MARTIN WÄG Fragt sich, wie der Wein, den er auf seiner Hochzeit getrunken hat, heute schmecken würde.
MARTIN WÄG Fragt sich, wie der Wein, den er auf seiner Hochzeit getrunken hat, heute schmecken würde.

Gibt es eine Erinnerung an ein bestimmtes Stück aus dieser Spielzeugabteilung?

Es hat natürlich die Stofftiere gegeben … aber wenn wir da und dort als Mädchen ein Kleid bekommen haben, das war am schönsten. Einmal war es ein Kleid mit einem Schottenmuster, meine Schwester und ich haben beide das gleiche bekommen. Das haben wir mit solchem Stolz getragen. Ich war vielleicht acht oder so. Auf dem Klassenfoto aus der Volksschule ist es verewigt.

 

Ihr Zugang zu Einkaufen und Mode?

Für mich ist Mode etwas Anlassbezogenes. Mein Kleiderschrank ist relativ groß, er umfasst vom Weingartenoutfit über das Keller- bis zum Präsentations- und Freizeitoutfit alles Mögliche. In Boutiquen oder durch eine Stadt zu gehen und dort einzutauchen, etwas, das mich in kürzester Zeit vom Alltag wegholt. Und es ist für mich auch immer ein schönes Spiegelbild einer Stadt, einer Kultur. Übrigens ist das – wir haben ja bei uns im Weingut viele internationale Besucher, die einen Tag nach Graz wollen – mein Einsertipp: Zuerst in die Kastner-Tiefgarage fahren und einparken, weil dann ist man schon einmal mitten im Zentrum. Hier herauffahren, auf den Skywalk gehen und sich die Stadt von oben anschauen, einen Drink nehmen. Eintauchen in die Stadt und auf dem Rückweg hier noch Mitbringsel einkaufen gehen. Das ist Mode für mich auch: ein Erinnerungsstück an einen Ort, an dem ich war, an eine Zeit, an ein Gefühl.

 

Mode als Mitbringsel ist für mich ein Erinnerungsstück an einen Ort, an eine Zeit, an ein Gefühl.

KATHARINA TINNACHER

 

Ich kann mir vorstellen, dass Wein und Mode zu beschreiben, nicht ganz unähnlich ist. Wenn man sich den ganzen Tag damit beschäftigt, hat man einen ganz anderen Blick.

Aber es ist trotzdem noch ein Unterschied, ob man sich mit Wein beschäftigt, indem man selbst Wein macht, oder indem man Wein beschreibt. Das ist nochmal eine ganz andere Materie. Ich kenne natürlich den Charakter meines Weingartens, und ich kann natürlich wiedergeben, wie der Wein schmeckt und das auch mit anderen Dingen assoziieren. Aber dann einen Wein zu beurteilen und zu sagen, wie hoch ist jetzt die Güte, wie beschreibe ich ihn, dass jemand, der den Wein noch nie getrunken hat, ein Bild davon bekommt? Das ist eine ganz andere Aufgabe. Und dafür gibt es nicht umsonst Weinkritiker. Das ist etwas, das wir gar nicht können als Winzer. Weil wir Wein anders beurteilen…

 

…und wie bei eigenen Kindern ist das wahrscheinlich besonders schwer.

Ähnlich schwer wie die Frage, was ist mein Weinstil? Das ist wahrscheinlich genauso komplex, wie wenn ich Sie frage, was ist Ihr Kleidungsstil? Man kann schon sagen elegant, aber davon gibt es hunderte Facetten. Noch eine Parallele zwischen Wein und Mode: Es geht ja immer um Geschmack – etwas grundlegend Subjektives. Wenn Sie und ich den gleichen Wein verkosten, würden wir ihn ganz verschieden beschreiben, genauso wie Sie und ich vielleicht Mode oder ein Kleidungsstück völlig unterschiedlich interpretieren würden. Subjektiv, aber wahrscheinlich eingebettet in den Kontext unserer Kultur und Erfahrungen.

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