1873-2-2018 Seite 96-101

Schuhe für Kosmopoliten

Zeitlos und avantgardistisch zugleich sind die Schuhe von OFFICINE CREATIVE. Was sie so besonders macht, und warum Kreativ-Chef ROBERTO DI ROSA sie von Hand herstellen, zerstören und danach wieder aufbauen lässt, hat er uns beim Besuch in der ITALIENISCHEN SCHUHMANUFAKTUR erklärt.

Kastner & Öhler September 10, 2018 / by Kastner & Öhler
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von Marie-Theres Stremnitzer

fotos Patricia Weisskirchner

 

Besuch in den Werkstätten – jedes Schuhmodell wird aus Papier an der Schuhform ausprobiert (Bild oben), um die Schnittmuster zu entwickeln. Anhand der Muster entstehen dann die Schafte, erklärt Roberto di Rosas Assistent Emmanuele K&Ö-Einkäuferin Heike Süss.
Besuch in den Werkstätten – jedes Schuhmodell wird aus Papier an der Schuhform ausprobiert (Bild oben), um die Schnittmuster zu entwickeln. Anhand der Muster entstehen dann die Schafte, erklärt Roberto di Rosas Assistent Emmanuele K&Ö-Einkäuferin Heike Süss.

 

 

Schuhe aus Naturleder

Zu dem Zeitpunkt sind sowohl Schaft als auch Sohle noch hell, aus Naturleder, Hirsch, Büffel, Kalb, Rind, auch Känguru. Die Schuhe kommen in eine Trommel, wo sie in einer speziellen Flüssigkeit gemeinsam mit Keramikmurmeln gewaschen werden. Dadurch werden sie verformt, verbogen, zerdrückt, aber keinesfalls ruiniert. Dann werden die Schuhe im Stück gefärbt. Durch und durch. Der Schaft, das Futter, die Sohle, Ton in Ton. Das gibt eine intensive Farbe, einen besonderen Glanz. Nach dieser Prozedur sind die Schuhe hart und sehen etwas mitgenommen aus. Nun beginnt die Rekonstruktion. In kleinen Arbeitsschritten wird jeder Schuh in Form gezogen, erwärmt, weichgeklopft, geschliffen, poliert, geföhnt. Eine schweißtreibende Arbeit. „Klar, für das alles bin ich zu Beginn eher verflucht worden“, erzählt Di Rosa, „denn dieser Prozess verlangt zahlreiche Arbeitsschritte und handwerkliches Geschick. Nicht zuletzt, weil es schwierig ist, den richtigen Punkt der Rekonstruktion zu definieren. Das erfordert auch stilistisches Feingefühl.“

 

Wenn sich Di Rosa und sein Bruder Luca neue Schuhmodelle ausdenken – eine Art Sisyphos-Arbeit, wie er meint, denn irgendwie fange man ja mit jeder Kollektion doch wieder ganz von vorne an –, werden die Schuhe zunächst gezeichnet, dann als Kartonmodell gebaut, in den Computer übertragen und schließlich produziert. Die Muster für die Frauen in Größe 37, für Männer in Größe 42. Damit geht Di Rosa nach Mailand in den Showroom, wo sie auch einst von Chefeinkäufer Christian Adelsberger für Kastner & Öhler entdeckt wurden. Nach der Messe weiß Di Rosa, welche der Schuhe, die in seinem Kreativreich auf dem Konferenztisch stehen, weiterentwickelt werden, ins Sortiment kommen. Die anderen bleiben Muster.

 

Wir wenden uns an Frauen, die es schätzen, dieses eine besondere Paar Schuhe gefunden zu haben.

Roberto Di Rosa

 

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 Viele meinen, das handgefertigte, das langlebige sei am Ende. Ich meine, die Zeit wird ihnen zeigen, dass sie sich irren.

Roberto Di Rosa

 

Handgefertigt und langlebig

Lord Byron, so erzählt man sich, habe niemals neue Kleidung oder Schuhe angezogen. Er ließ sie von seiner Dienerschaft eintragen. Sie musste sich an seiner statt die Blasen holen, unbequeme Jacken und Hosen vordehnen, sogar einen neuen Diwan einliegen. Nur so schienen seiner Lordschaft perfekte Entspannung und Tragekomfort garantiert. „Das ist, was uns inspiriert“, erklärt Di Rosa. Die Lord Byrons dieser Welt auch ohne Dienerschaft glücklich zu machen. Dafür lässt Di Rosa seine Schuhe, kaum sind sie fertig, kräftig traktieren. Zuerst werden die Lederteile für den Schaft teils von Hand zugeschnitten, das garantiert präzisere Schnitte und höhere Elastizität, händisch vernäht, in Liefertranchen verpackt. Diese kommen in die Werkstatt. Dort wird die Innensohle an der entsprechenden Schuhform aus Plastik und Metall montiert, der Schaft darübergezogen und erwärmt, das macht das Leder weich und elastisch. Erst dann wird der Schaft fest über die Form gespannt und an die Fußsohle fixiert und genagelt. An einer Schleifmaschine schleift der Schuhmacher das überschüssige Leder entlang der Innensohle millimeterfein ab. Zum Schluss wird die Schuhsohle befestigt. Eigentlich wäre der Schuh jetzt fertig. Aber nicht für Lord Byron.

 

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Zahlreiche Arbeitsschritte nach dem befestigen des Schafts an der Innensohle wird das überschüssige Leder abgeschliffen.
Zahlreiche Arbeitsschritte nach dem befestigen des Schafts an der Innensohle wird das überschüssige Leder abgeschliffen.
Handgefertigt – die Innensohle des Schuhs wird am Modell befestigt. Für jeden Schuh gebt es eine eigene Form.
Handgefertigt – die Innensohle des Schuhs wird am Modell befestigt. Für jeden Schuh gebt es eine eigene Form.

Inmitten der malerischen Hügel der Marken südlich von Ancona liegt Montegranaro. Touristisch eher unbekannt, aber dennoch in aller Welt vertreten – mit Schuhwerk made in Italy. Hier befindet sich ein wichtiges Zentrum der italienischen Schuhindustrie, industriell wirkt es eigentlich nicht. Die Straßen sind gesäumt von leuchtend gelben Sonnenblumen-, goldenen Weizen- und roten Mohnfeldern. Die Schuhmanufaktur Officine Creative schmiegt sich in die Landschaft. An der geschotterten Einfahrt werden wir empfangen und in den ersten Stock des flachen, schlichten Betonbaus geführt, wo das Herz des Unternehmens schlägt. Dort treffen wir den Gründer Roberto Di Rosa. Wobei, ganz so sei es nicht, erklärt er uns, denn der Grundstein für das Unternehmen wurde bereits 1968 von seinem Vater, einem Spezialisten für Männersandalen, gelegt. Roberto und sein Bruder Luca machten 1995 die Marke Officine Creative daraus. In Di Rosas Kreativreich hängen bunte Lederflecken und Farbpaletten, sind auf dem großen Konferenztisch schon die Muster für den Sommer 2019 aufgestellt, feinsäuberlich mit Namen versehen, hängen an großen Pinnwänden Entwürfe für Taschen, liegen Handzeichnungen, Vorlagen, nach denen eines Tages butterweiche Lederschuhe entstehen sollen. Sofern die Entwürfe auf dem Markt Bestand haben, sofern sie den Geschmack der Einkäufer treffen, und sofern sie das Zeug zur Ikone haben. Aber dazu später.

Handwerk mit Weitblick – die Officine Creative befinden sich in Montegranaro, einem Zentrum der italienischen Schuhindustrie.
Handwerk mit Weitblick – die Officine Creative befinden sich in Montegranaro, einem Zentrum der italienischen Schuhindustrie.
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Robust und leicht

Die Schuhe, die dann vor uns stehen, sind robust, so sehen sie auch aus, fest und schwer, wenn man sie jedoch in die Hand nimmt, entpuppen sie sich als leicht, zart, und wenn man hineinschlüpft, fühlen sie sich an wie eine zweite Haut. Bis 2006 hat Officine Creative nur Männerschuhe produziert. Erst dann wagte man sich an die handgefertigten Schuhe für Frauen. Di Rosa übertrug gemeinsam mit Bruder Luca, der für die Entwürfe der Damenmodelle zuständig ist, das Knowhow von den Herrenschuhen auf jene für Damen. „Es sind Frauenschuhe mit einem maskulinen Look und femininem Touch. Nicht modisch, sondern zeitlos. Schuhe, die man behält“, sagt Einkäuferin Heike Süss, die regelmässig Messen, Showrooms und Manufakturen für Kastner & Öher besucht. „Viele meinen, das Handgefertigte, das Langlebige sei am Ende. Nicht mehr gefragt. Ich meine, die Zeit wird ihnen zeigen, dass sie sich irren. Auch das Vinyl wurde totgesagt. Jetzt kehrt es in die Läden zurück. Ich bin der Vinyl-Typ. Molto Slowfood“, erklärt Di Rosa gedehnt. „Aber auch ich finde manchmal das Modische schön. Das Einzige, was es gibt, ist der Wechsel. Es gibt Phasen, da ist es schön, sich zu uniformieren, irgendwo dazuzugehören. Und die wechseln sich ab mit Zeiten, in denen man sich eben abgrenzen, unterscheiden möchte.“ Dass Di Rosa damit, nicht modisch zu sein, eine Nische bedient, gefällt ihm. Er spiele gerne David gegen Goliath. Selbst seine Eltern, erzählt er lachend, einst seine größten Skeptiker, gingen seinen Weg inzwischen mit. Dafür musste er das auf Sandalen spezialisierte Unternehmen überhaupt erst mit dem Know-how für Schuhproduktion aufrüsten. Gelernt hat er das in den befreundeten umliegenden Unternehmen. Den größten Einfluss auf seine Ideen hatte jedoch die Zusammenarbeit mit Prada. Just zu jener Zeit, als Miuccia Prada „Mitte der Achtziger das Unternehmen ihres Großvaters erbte und komplett umkrempelte, von klassisch zu zeitgenössisch, also in jenem Moment, als die Marke Prada entstand, produzierte mein Vater die Sandalen für sie“.

 

Ich liebe den Weltenbummler Style.

Roberto Di Rosa

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Ikonisch statt modisch

„Unsere Schuhe müssen Bestand in der Zeit haben. Wir wenden uns an Frauen, die es schätzen, dieses eine besondere Paar Schuhe gefunden zu haben, das sie über lange Zeit hinweg tragen. Das muss ikonisch sein, sonst funktioniert das nicht“, erklärt Di Rosa. Deshalb hätten die Schuhe von Officine Creative kein „modisches Bling-Bling“, wie er sagt. „Für uns ist die Form entscheidend, weniger das Modell. Eine Form stimmt dann, wenn sie sich nicht verstecken muss, ähnlich einem nackten, schönen Körper. Ich mag nichts Kompliziertes, keine Maskerade, die das Fehlen eines Konzepts oder gar fehlende Philosophie verdeckt.“ Schuhe von Officine Creative seien auch „keine italienischen Schuhe“, so Di Rosa. „Es sind Schuhe made in Italy, es sind kosmopolitische Schuhe. Ich liebe den Weltenbummler-Style. Unsere Einflüsse stammen vorwiegend aus dem angelsächsischen Raum, wo sich Humor, Moderne und Tradition treffen, und aus Japan.“ Im kleinen Örtchen Montegranaro wird aus der Inspiration feines Handwerk. Und dann reisen die Schuhe von dort aus in die weite Welt

OFFICINE CREATIVE BEI KASTNER & ÖHLER 2008 entdeckte Kastner & Ohler-Chefeinkaufer Christian Adelsberger die exklusive italienische Schuh-Manufaktur Officine Creative in einem kleinen Showroom abseits des Getummels auf der Mailander Modemesse. Seither sind die weichen und dennoch robusten Schuhe fixer Bestandteil des Modehauses. Diesen Herbst kommen erstmals Damenschuhe des ikonischen Produzenten dazu. Zwölf Modelle hat Einkäuferin Heike Süss für Sie ausgewählt.

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