1873-2-2018 Seite 77-79

Karo – Das Ass in der Garderobe

Wenn man gebeten wird, sich ein paar Gedanken zum Thema „Karo“ zu machen, kann es geschehen, dass man sich im Großen und Kleinen verirrt. Im Großen stellt sich die Frage: Was ist Karo eigentlich? Und im Klein-Karierten fragt man sich: Was bedeutet das denn heute noch?

Kastner & Öhler September 10, 2018 / by Kastner & Öhler
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Er — Mantel von Joop um € 399,–, Sakko um € 289,–, Gilet um € 159,– und Hose um € 159,–, alles von Drykorn, Hemd von Ego um € 39,99. Sie — Mantel von Tommy Hilfiger um € 379,–, Blazer um € 139,99 und Hose um € 99,99, beides von La Fée Maraboutée.

 

von Corinna von Bassewitz

 

Wie ein Muster die Mode dominiert:
eine Stilfrage und Lebenseinstellung

 

Karo ist, modisch betrachtet, ein Quadrat, das uns im Leben überall begegnet. Als Kachel im Badezimmer ist es zu einem gewohnten Anblick geworden. Man sieht es im Drahtgeflecht, das auf kleinen Flughäfen die Feuermelder ummantelt, oder entdeckt es auf dem Laptop, an dem ich gerade sitze. Karo ist überall, vor allem in der Mode. Alessandro Michele, provokanter Designer beim italienischen Label Gucci, verfremdete vor Kurzem einen karierten Rock, einen klassischen gelben Kilt, mit einem stilisierten, knurrenden Hund mit Feuerschein um den Kopf. Stylisten kombinieren Karo mit Flower-Power, Fell, ja sogar mit Animal Prints. Rot-schwarze Karohemden sind das Markenzeichen der bärtigen Hipster in unseren Innenstädten, bunte Karohosen werden auf Golfplätzen sportlich eingesetzt, Kinder tragen karierte Hausschuhe und dunkle Karodecken sind praktische Begleiter für ein Picknick im Grünen. Wenn es regnet, kommt der Pepita-Hut zum Einsatz, eine Kopfbedeckung mit einem kleinen, meist schwarz-weißen Blockkaro, das schachbrettartig angeordnet ist, die früher Insigne des Kleinbürgers war.

Karo war nie weg

Im Laufe der Jahrtausende hat sich Karo überall ausgebreitet. Das Tartan-Karo, ein Muster aus der schottischen Hochlandkultur, ist uns am geläufigsten. Es wurde zunächst aus der Wolle von dunklen und hellen Schafen gewebt, eine Technik, die bereits im dritten Jahrhundert vor Christus angewandt wurde, und später – als Färber sich in tuchverarbeitenden Zünften zusammentaten und Textilien mit Beeren- oder Pflanzensäften einfärbten – wurde die Wolle für die Kilts zu immer kunstvolleren, farbenprächtigen Mustern verwebt. Für das Schottenkaro kamen damals meistens die Farben Blau, Gelb, Weiß, Rot und Grün zum Einsatz. Jeder Clan in den Highlands hatte dabei seine eigenen Muster und Farben, die eine kultische Bedeutung hatten. Die MacKenzies, die den Nordwesten Schottlands beherrschten und es immer noch tun, setzten mit Tartanmustern in vorwiegend Blau- und Grüntönen, diskreten roten Akzenten und weiß abgesetzten Karos innerhalb des Musters ein Zeichen ihrer Macht. Eine Kombination übrigens, die sich bis heute bei den britischen Lords und Ladies großer Beliebtheit erfreut. Auch ein Grund, warum Designer den Tartan immer wieder entdecken.

Dresscode: smart

Das erste Mal, dass ich bewusst und eigentlich aus der Not heraus einen Kilt trug, hat meinen Umgang mit Mode (und Karomustern) nachhaltig geprägt. Mein späterer Ehemann und ich waren in St. Moritz beim Skilaufen, als wir eine Einladung in die damals noch existierende Kegelbahn des supernoblen Badrutt’s Palace Hotel erhielten. Der Dresscode war: smart. Aber selbst das konnte ich, Studentin und als solche stets knapp bei Kasse, nicht bieten. Meine Weekend-Tasche war mit Skiklamotten, dicken Pullovern und sonst gar nichts gefüllt. Ich stand vor der Wahl, den Abend, der lustig zu werden versprach, abzusagen und im Hotelzimmer zu bleiben, oder zu improvisieren. Ich wählte die zweite Möglichkeit. Einen Abend mit meiner neuen Liebe im Badrutt’s Palace Hotel wollte ich mir nicht entgehen lassen: Ich lieh mir von der 14-jährigen Tochter eines Freundes einen sehr kurzen Schottenrock mit rot-blauem Karomuster und einer übergroßen Sicherheitsnadel und eine brave weiße Bluse, trug roten Lippenstift auf (den hatte ich damals dabei, und auch heute dient mir roter Lippenstift als schnelle Wiedergutmachung großer und kleiner Mode-Fauxpas) und lief zwischen schmuckbehangenen Damen in raschelnden Satinkleidern und Herren in maßgeschneiderten Anzügen (ohne Krawatte) auf. Mein Vorteil: Ich war mit Abstand die Jüngste in der Runde der edlen Kegelgesellschaft, trug Karorock und roten Lippenstift und hatte den Spaß meines Lebens! Am Ende des Abends tanzte ich mit einem Herrn, der die Zeichen der Zeit erkannt hatte und eine karierte Hose trug, auf dem Tisch. Mode war für mich ab da ein Ausdruck von Lebensfreude und nicht von sklavischer Angepasstheit und auch ein klein wenig ein rebellisches Statement gegen das Establishment. Sicher ist – das hatten der Herr und ich an dem Abend in der Kegelbahn bewiesen –, mit einem Kleidungsstück mit Karomuster setzt man sich ab.

 

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Von links nach rechts — Blazer von Luisa Cerano um € 499,95, Kleid von Weekend by MaxMara um € 459,–. Er — Mantel von Scotch & Soda um € 299,95, Blazer von Joop um € 349,–, Hemd von Burberry um € 295,– *, Hose von Replay um € 139,95,–. Blazer um € 749,– und Rock um € 399,–, beides von Boutique Moschino, Pulli von Essentiel Antwerp um € 129,–, Strumpfhose von Wolford um € 39,–. Er — Sakko von Tommy Hilfiger um € 379,–, Hemd von Gabba um € 109,–, Hose von Drykorn um € 169,–. * online nicht verfügbar

Vom Vichy-Karo zum Esterházy-Muster

Während ein Kilt (außer er ist von Gucci interpretiert, von einem Teenager geliehen oder er wird mit schwarzen Netzstrümpfen und robusten Dr. Martens-Stiefeln als Zeichen der wieder aufstrebenden Grunge-Bewegung kombiniert) heute meist nur aus nostalgischen oder traditionelle Gründen getragen wird, ist ein luftiges Kleid in einem zarten Vichy-Muster ein fröhliches Fashion-Statement. Beim Vichy-Karo – auch Bauern-Karo genannt – werden beim Weben opake Streifen gekreuzt. Es ist das ordentlichste aller Karo-Dessins, war früher beliebt als Tischdeckenmuster in Bauernstuben und wird heute gerne beim Bezug von Lampenschirmen und auf Sesselpolstern verwendet.

Um das „kleinkarierte“ Image hinaufzuspielen, ist Vichy im zeitgemäßen Interieur-Bereich nicht in Pastelltönen, sondern in lauten Farben zu sehen, so wie bei den Plaids der 1970er-Jahre, die mit Knallpink oder Froschgrün aufgemöbelt waren, maximale Lebenslust versprachen und die heute in keiner gestylten Wohnung fehlen dürfen. Nach dem Motto: Wir lassen es geschmackvoll krachen! Etwas weniger effekthaschend ist der als altmodisch angesehene Glencheck, ursprünglich Glen Urquhart Check, oder der Prince of Wales Check, in Österreich übrigens als Esterházy-Muster bekannt, ein aus dem Tartan-Muster entwickeltes Dessin, das in Herrenhemden für Banker vorzugsweise in Blau, für modemutige Unternehmensberater auch mal in Rosé eingesetzt, aber auch in Schwarz-weiß in Capes in der Damenmode zitiert wird. Ganz vorne mit dabei sind Tellerröcke in der aktuellen Wadenlänge aus British Tweed, einem eigentlich konservativen, im modischen Sinne kleinkarierten Muster, das die britische Königin Elizabeth II. auf Spaziergängen im schottischen Balmoral mit ihren Corgis bevorzugt. Kombiniert mit einem ärmellosen schwarzen Rollkragenpullover, schulterlangen Chandelier-Ohrringen (ja, sie sind zurück!) und den derzeit angesagten Chunky Sneakers mit neonfarbenen Details, rebelliert der an und für sich biedere Rock und bricht mit altbackenen Konventionen.

Farbakzente spielen eine große Rolle im Fashion-Land der Karo-Rapports. Schwarz-weiße, knöchellange Röhrenhosen mit Hahnentritt-Dessin, das aussieht wie winzig kleine Windräder, erhalten in unserem Zeitalter der „Alles geht“-Revolution rote Streifen knapp über dem Saum. Kleinkariert bleibt die Mode derzeit wahrlich nicht. Gucci-Designer Alessandro Michele, der Meister der Verfremdung traditioneller Textilien, sagte einmal: „Ich liebe es, Muster, Stickereien und Applikationen einzusetzen – Dinge, die aus einer anderen Zeit stammen – um etwas Zeitgemäßes und Neues zu schaffen, um eine neue Geschichte zu erzählen.“ Die Geschichte des Karomusters, das seit Jahrtausenden bis heute aufregend, abwechslungsreich und immer wieder anders interpretiert worden ist. Weshalb Karo heuer alle groß in Szene setzt – vom jüngsten bis zum ältesten „Clan“-Mitglied.

 

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GROSSE KARO-LIEBE
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