1873-1-2019 Seite 114

Lovely Linen

Wir schätzen ihn sehr. Den LEINENSTOFF, seine feine Qualität, seine NATÜRLICHKEIT und Langlebigkeit, den Zauber, der ihm innewohnt. Beim Besuch im Textilmuseum Haslach haben wir uns seine GESCHICHTE näherbringen lassen.

DIE KRAFT DER LANGEN FASER

text M A R I E – T H E R E S S T R E M N I T Z E R

fotos P A T R I C I A W E I S S K I R C H N E R

 

Kein Naturmaterial ist robuster und vielseitiger als Leinen, seine Gewinnung ist aufwendig, die Weberei eine hochkomplexe Angelegenheit, dabei gilt diese als eines der ältesten Kulturgüter der Menschheit. Auch in Österreich war die Leinenerzeugung über Jahrhunderte integraler Bestandteil des bäuerlichen Lebens. Aber es dauerte nur wenige Jahrzehnte der Industrialisierung und des Siegeszugs der leichter zu verarbeitenden Baumwolle, bis das Leinen plötzlich als rückständig und altvaterisch galt. Man störte sich an der unregelmäßigen Optik. Der individuelle Charakter des Leinens mit seiner unübertroffenen Haptik und Wandlungsfähigkeit musste der perfekten, gleichmäßigen Glätte des Baumwollfadens weichen.

Durch die Öko-Bewegung, die in den 1990er-Jahren einsetzte, begann jedoch die wohlverdiente Rückbesinnung auf das Leinen und heute hat das Material selbst in den Kollektionen großer Marken wieder Einzug gehalten. Wir decken unsere Tische vermehrt damit, schätzen die atmungsaktiven und kühlenden Eigenschaften einer Leinenbettwäsche und erfreuen uns daran, wie spannend sich das Licht an den Knittern und den Webmustern des Stoffes bricht. Denn das verleiht unseren Wohnräumen elegante Natürlichkeit. Und gibt uns das Gefühl von Entschleunigung.

 

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In der kurzen Zeitspanne, als Leinen nicht mehr gefragt war, drohten jedoch Jahrhunderte des Wissens um die Kultivierung zu versinken. Die meisten Betriebe wurden geschlossen, das Saatgut verschwand und bis auf ein paar Museumsobjekte wurde alles entsorgt. „Und das betraf nicht nur die Hardware, sondern es fehlt nun auch das Know-how“, erklärt Christina Leitner, wissenschaftliche Leiterin des Textilen Zentrums Haslach.

Sie meinen, die spinnen? Man hätte nicht alles über einen Kamm scheren sollen? Ja, offenbar hatte man sich im Fortschrittsglauben verhaspelt und heute haben wir die Scherereien. Wie tief die Leinenweberei und Flachsgewinnung in unserer Kultur verankert sind, zeigen viele Redewendungen sehr deutlich. Wir benutzen sie häufig, während wir beinahe vergessen haben, woher sie eigentlich stammen.

 

LEINEN kann man bleichen, indem man es dem SONNEN- oder MONDLICHT aussetzt.

C H R I S T I N A  L E I T N E R

 

 

BLOSS NICHT VERHASPELN DIE BUNTEN FADENSPULEN FÜR DAS SCHIFFCHEN WARTEN AUF IHREN EINSATZ. MIT DEM SCHWUNGRAD (BILD UNTEN) WERDEN DIE FLACHSFASERN VOM STROH BEFREIT.
BLOSS NICHT VERHASPELN DIE BUNTEN FADENSPULEN FÜR DAS SCHIFFCHEN WARTEN AUF IHREN EINSATZ. MIT DEM SCHWUNGRAD (BILD UNTEN) WERDEN DIE FLACHSFASERN VOM STROH BEFREIT.

Vom Raufen, Brecheln und Hecheln

Die blau blühende, etwa meterhohe Flachspflanze überzog einst die Mühlviertler Hügel und Äcker wie ein Teppich. Günstig mit dem Fuhrwerk je eine Tagesreise von Passau, Linz und Krumau in Böhmen entfernt, spielte der Ort Haslach schon im 13. Jahrhundert eine besondere Rolle. Hier kamen die Händler zusammen, kauften auf den Wochen- und Jahrmärkten bei den Bauern und Flachshändlern der Umgebung ein. Das malerisch gelegene Haslach war das textile Fenster zur Welt. Der gehandelte Stoff war für seine Produzenten sehr wertvoll, denn „wenn ich ein Material selbst anbaue und in vielen anstrengenden Arbeitsschritten gewinne, ist der Bezug zum Kleidungsstück automatisch ein ganz anderer“, stellt Leitner fest. „Und so entwickelten sich um den Flachs Bräuche, Lieder, Feste. Er war Statussymbol. Das weiße Leinen ist in seiner kulturgeschichtlichen Bedeutung auch immer für Reinheit, für Licht gestanden, da man es wunderbar bleichen kann, wenn man es dem Sonnen- oder Mondlicht aussetzt.“ Dann wird sein Grau-Beige strahlend weiß. Das ist der Zauber, der dem Leinen innewohnt: Es kann das Licht speichern.

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Vergessene Wertanlage

Aus den Samen der genügsamen Pflanze wurde Leinöl gewonnen, aus den Stängeln die längste Naturfaser, die es gibt. Sie reicht bis in die Wurzeln hinab, weshalb man sie einst raufte, also mitsamt der Wurzel ausriss.

Danach stellten die Bauern den Flachs büschelweise zum Trocknen auf. Um die Samenkapseln vom Rest der Pflanze zu trennen, zogen sie diese über den Riffelkamm. Die Samen kamen in die Ölmühle. Die Stängel wurden erneut auf dem Feld ausgelegt, vom Tau immer wieder angefeuchtet, wodurch sich das Pektin, das die Fasern zwischen Stroh und Holzkern verklebt, löste. Danach wurden die Büschel auf offenem Feuer getrocknet. Richtig dürr konnte man sie besser brecheln, „indem man stundenlang mit einem mehrere Kilo schweren Holzarm, dem Brechel, auf die Stängel eingeschlagen hat“, erklärt Leitner. Dadurch konnten sie geknackt, das Stroh geöffnet werden. Von den Kindern bis zu den Großeltern waren alle gemeinsam an verschiedenen Geräten im Einsatz. Wenn der letzte Staub von der Flachsfaser abgefallen war, blieb ein ziemlich verworrenes Faserknäuel übrig, das an Rosshaar erinnerte und nach Stroh, nach Sommer duftete. Es musste gehechelt, also mit Metallkämmen gekämmt und dann zu kunstvollen Faserzöpfen zusammengedreht werden. Diese kamen zur Aufbewahrung in große Truhen und waren eine Art Wertanlage, denn der soziale Status wurde über das Leinen verhandelt. „Eine körperlich sehr anstrengende, aber für die Gemeinschaft sehr wichtige Zeit“, sagt Leitner.

 

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In den kalten Wintermonaten wurden die Faserzöpfe in den bäuerlichen Stuben versponnen und dann zu Stoff gewebt – und mit hinein gelangten Geschichten, Legenden, Traditionen und das Können vieler Generationen. „Auch heute noch rufen Leute aus der Umgebung bei uns an, weil sie so eine Truhe mit hunderten dieser Flachszöpfe darin finden“, erzählt Leitner. „Wenn man sich vergegenwärtigt, wie viel Zeit und Arbeit dahintersteckt, um sie zu gewinnen – das war so kostbar, dass sie oft ein Leben lang nicht angegriffen worden sind. Natürlich konnte damals niemand damit rechnen, dass diese Zöpfe eines Tages nicht mehr gefragt sein würden.“ Auch wie fein jemand spinnen konnte, war ein wichtiges Kriterium. Die Fasern wurden früher auf Handspindeln versponnen, ab dem 15. Jahrhundert auf dem Flügelspinnrad, bei dem mit dem Fuß das Rad in Schwung gebracht wird, das den Drall auf die Fasern überträgt. Wer das schafft, hat übrigens „den Dreh raus“. „Im Prinzip ist Spinnen nichts anderes, als parallel liegende Fasern unter Zug miteinander zu verdrehen“, zeigt Leitner. Und den reißfesten Faden auf Spulen zu wickeln. Von der vollen Spule kam das Garn auf die sogenannte Haspel. Eine zylinderförmige Vorrichtung, auf der es in Strängen sorgfältig aufgewickelt wurde, um es in großen Mengen zu färben oder zu waschen. Sie ahnen es vermutlich schon, wie es zum „Verhaspeln“ kommt?

DUALES SYSTEM IN DEN LOCHKARTEN STECKEN DIE INFORMATIONEN FÜR DAS MUSTER. SIE SIND ÜBER SCHNÜRE MIT DEN SCHÄFTEN VERBUNDEN, DIE DIE KETTFÄDEN JEWEILS HEBEN ODER SENKEN.
DUALES SYSTEM IN DEN LOCHKARTEN STECKEN DIE INFORMATIONEN FÜR DAS MUSTER. SIE SIND ÜBER SCHNÜRE MIT DEN SCHÄFTEN VERBUNDEN, DIE DIE KETTFÄDEN JEWEILS HEBEN ODER SENKEN.

Gut in Schuss

Vor dem Weben musste man sich überlegen, in welcher Farbfolge und Dichte die Kettfäden im Stoff sein sollten, bevor man sie zunächst auf dem sogenannten Schärbaum zum Sortieren ablegte. Ein großer Aufwand, „weil man mit einer ganzen Schar Fäden arbeitet, von denen alle gleich lang sein und die gleiche Spannung haben müssen“, erklärt Leitner: 20 bis 30 Meter lange Kettfäden für ebenso lange Stoffbahnen. Denn die kniffligste Arbeit beim Weben ist das Einrichten des Webstuhls, also das Einziehen jedes einzelnen der mehreren Hundert Kettfäden in die Schäfte und Litzen. Mittels dieser werden die Fäden gehoben und gesenkt, damit das Schiffchen mit dem Schussfaden durchschießen kann. Da ist gute Vorbereitung alles: Reißt einer der Kettfäden oder gerät in die falsche Litze, dann hat man echte „Scherereien“.

„Bei komplexen Mustern und Maschinen steht man zu zweit drei, vier Tage, um den Webstuhl einzurichten“, so Leitner. Aber die Mühe lohnt sich. „Die Motivik beim gewebten Stoff hat eine ganz andere Tiefe als bei einem bedruckten Stoff. Da steckt ganz schön viel Hirnschmalz dahinter, das System auszuklügeln“, sagt Leitner.

Der Prozess des Webens hat etwas sehr Mathematisches. Weshalb es sogar die Theorie gibt, dass sich die Mathematik aus der Weberei entwickelt habe, nämlich „über das jahrtausendelange Werken der Frauen am Webstuhl, die gerade von ungerade unterschieden und Teilbarkeiten bei den Kettfäden entwickelt haben“, sagt Leitner. „Deshalb ist man der Meinung, dass sich aus dieser angewandten erst später die Mathematik in ihrer abstrakten Form entwickelt hat.“ Der Weber, nein, ursprünglich die Weberin, musste das Muster immer mitdenken und verschiedene Trittbretter betätigen, die mit den Schäften verbunden waren, durch die die Kettfäden liefen. Mit den Füßen hob oder senkte sie Schuss für Schuss die Kette und langsam entstanden Muster und Stoff. Hat man keine Scherereien und geht es beim Weben schön voran, ist man „gut in Schuss“.

Tatsächlich war das Weben über Jahrtausende Frauensache. Und so betrachtet ist die Mathematik gar eine weibliche Errungenschaft. Heute wird die Handweberei von vielen, die sich ihr widmen, noch aufgrund eines weiteren Aspekts vermehrt geschätzt und deswegen als Hobby betrieben. Sie hat nämlich neben dem rationalen Zugang auch eine ganz meditative Seite, zeigt Leitner am historischen Webstuhl vor: „Denn beim Weben muss man in einen Rhythmus mit Händen, Füßen und Atem kommen.“

 

ECHTE KOSTBARKEIT CHRISTINA LEITNER (LINKS) ZEIGT K&Ö-EINKÄUFERIN PAMELA PAUSCH DIE IN VIELEN, KÖRPERLICH ANSTRENGENDEN ARBEITSSCHRITTEN GEWONNENEN FASERZÖPFE.
ECHTE KOSTBARKEIT CHRISTINA LEITNER (LINKS) ZEIGT K&Ö-EINKÄUFERIN PAMELA PAUSCH DIE IN VIELEN, KÖRPERLICH ANSTRENGENDEN ARBEITSSCHRITTEN GEWONNENEN FASERZÖPFE.

Der erste Computer

1805 entwickelte schließlich Jean-Marie Jacquard das Lochkartensystem, das wie ein Computer nach dem dualen System funktioniert. Ab da brauchte der Weber nur noch einen einzigen Tritt, der, anstatt das Anheben der Kette direkt auszulösen, Lochkarte für Lochkarte weitertransportierte. Nadeln tasteten die Karten ab und nur wenn sie in ein Loch trafen, wurde am Faden gezogen, der die Kette hob. „Nun erst konnten statt der bisher geometrischen und durchgehenden Muster Hirsche, Hasen oder Bäume entstehen. Diese Informationen musste der Weber zuvor in die Lochkarte programmieren“, zeigt Leitner. Deswegen heißen Stoffe mit freien, komplexen Webmustern Jacquard-Stoffe.

Wenn Sie das nächste Mal an Ihrem schön gedeckten Tisch sitzen und das schimmernde Leinenmuster Ihres Tischtuchs betrachten, versuchen Sie diesem doch auf den Grund zu gehen – aber verlieren Sie dabei nicht den Faden!

 

 

Die MOTIVIK bei gewebten Stoffen hat eine ganz andere TIEFE als bei einem bedruckten Stoff.

C H R I S T I N A L E I T N E R

 

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LOVELY LINEN BEI KASTNER & ÖHLER

Wir nehmen den weltumspannenden Leinenfaden für Sie wieder auf. Finden Sie in unserer Home-Abteilung alles für ein stimmungsvolles, natürliches Wohngefühl. Bettwäsche in vielen Farben von Lovely Linen um € 278,–.

Textiles Zentrum Haslach

Im Webereimuseum Haslach können Besucher nicht nur die historische Entwicklung der Leinengewinnung und -verarbeitung kennenlernen, sondern der Faszination für die Weberei auch selbst erliegen. Indem sie Josef Eckerstorfer beim Weben an historischen Webstühlen über die Schulter schauen, an zahlreichen Kursen oder Sommersymposien teilnehmen oder im umfassenden Musterarchiv stöbern.

www.textiles-zentrum-haslach.at

 

 

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